Springe direkt zu: Inhalt, Suche.

betaCare

Erheblicher allgemeiner Betreuungsbedarf

 

1. Das Wichtigste in Kürzezum Inhaltsverzeichnis

Personen, die aufgrund demenzbedingter Fähigkeitsstörungen, geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen einen erheblichen Betreuungsbedarf haben, haben Anspruch auf manche Leistungen der Pflegeversicherung, auch wenn keine Pflegestufe bewilligt wurde (sogenannte Pflegestufe "0"), und bekommen zum Teil höhere Leistungen als Pflegebedürftige. 

 

2. Bewertung der Voraussetzungenzum Inhaltsverzeichnis

Um entsprechende Leistungen zu erhalten, muss die Alltagskompetenz erheblich eingeschränkt sein. Für die Begutachtung (MDK), ob diese Einschränkungen auf Dauer erheblich sind, sind Schädigungen und Fähigkeitsstörungen in folgenden Bereichen maßgebend:

  1. unkontrolliertes Verlassen des Wohnbereichs (Weglauftendenz)
  2. Verkennen oder Verursachen gefährdender Situationen
  3. unsachgemäßer Umgang mit gefährlichen Gegenständen oder potenziell gefährdenden Substanzen
  4. tätlich oder verbal aggressives Verhalten in Verkennung der Situation
  5. im situativen Kontext unangemessenes Verhalten
  6. Unfähigkeit, die eigenen körperlichen und seelischen Gefühle oder Bedürfnisse wahrzunehmen
  7. Unfähigkeit zu einer erforderlichen Kooperation bei therapeutischen oder schützenden Maßnahmen als Folge einer therapieresistenten Depression (s.a. Depressionen > Allgemeines) oder Angststörung
  8. Störungen der höheren Hirnfunktionen (Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, herabgesetztes Urteilsvermögen), die zu Problemen bei der Bewältigung von sozialen Alltagsleistungen geführt haben
  9. Störung des Tag-Nacht-Rhythmus
  10. Unfähigkeit, eigenständig den Tagesablauf zu planen und zu strukturieren
  11. Verkennen von Alltagssituationen und unangemessenes Reagieren in Alltagssituationen
  12. ausgeprägtes labiles oder unkontrolliert emotionales Verhalten
  13. zeitlich überwiegend Niedergeschlagenheit, Verzagtheit, Hilflosigkeit oder Hoffnungslosigkeit aufgrund einer therapieresistenten Depression

 

2.1. Prüfung und Richtlinie

Die Gutachter des MDK sollten bei jedem Hausbesuch in Zusammenhang mit der Pflegeeinstufung automatisch auch die hier genannten Anspruchsvoraussetzungen für zusätzliche Leistungen prüfen.

 

Der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen hat eine Richtlinie und Umsetzungsempfehlungen zur Feststellung von Personen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz und zur Bewertung des Hilfebedarfs erstellt. Diese können unter externer Linkwww.mds-ev.de/richtlinienpublikationen/pflegeversicherung/pflegebegutachtung-rechtliche-grundlagen.html eingesehen werden.

 

3. Betreuungsbetragzum Inhaltsverzeichnis

Der Betreuungsbetrag ist zweistufig und beträgt minimal 104,- oder maximal 208,- € monatlich:

  • Die Alltagskompetenz ist erheblich eingeschränkt, wenn der Gutachter wenigstens in 2 Bereichen (siehe oben), davon mindestens einmal aus den Bereichen 1. bis 9., dauerhafte und regelmäßige Schädigungen oder Fähigkeitsstörungen feststellt.
    In diesem Fall erhält der Betroffene den Grundbetrag: maximal 104,- € monatlich.
  • Die Alltagskompetenz ist in erhöhtem Maße eingeschränkt, wenn der Gutachter wenigstens in 2 Bereichen (siehe oben), davon mindestens einmal aus den Bereichen 1 bis 9 und zusätzlich in mindestens einem der Bereiche 1 bis 5, 9 oder 11 dauerhafte und regelmäßige Schädigungen oder Fähigkeitsstörungen feststellt.
    In diesem Fall erhält der Betroffene den erhöhten Betrag: maximal 208,- € monatlich.

 

Der Betreuungsbetrag wird unabhängig von einer Pflegestufe gewährt, d.h.: Auch Personen mit stark eingeschränkten Alltagskompetenzen ohne Pflegestufe (sogenannte Pflegestufe "0") bekommen je nach Betreuungsbedarf einen Betrag von der Pflegekasse.

 

Wird der Betreuungsbetrag in einem Kalenderjahr nicht ausgeschöpft, kann der nicht verbrauchte Betrag in das erste Halbjahr des neuen Jahres übertragen werden. 

 

3.1. Zweckgebundene Verwendung

Der Betrag ist zweckgebunden einzusetzen für qualitätsgesicherte Betreuungsleistungen. Er dient der Erstattung von Aufwendungen, die den Pflegebedürftigen im Zusammenhang mit folgenden Leistungen entstehen

  1. nach Landesrecht anerkannte niedrigschwellige Betreuungsangebote, die nach § 45c SGB XI gefördert werden oder förderungsfähig sind (siehe Praxistipp unten),
  2. Kurzzeitpflege,
  3. Angebote der zugelassenen Pflegedienste, wenn es sich um besondere Angebote der allgemeinen Anleitung und Betreuung und nicht um Leistungen der Grundpflege und hauswirtschaftlichen Versorgung handelt, oder
  4. Tages- oder Nachtpflege.

 

Die Versicherten erhalten die finanziellen Mittel auf Antrag von der zuständigen Pflegekasse. Dabei müssen entsprechende Belege über entstandene Kosten im Zusammenhang mit den oben genannten Betreuungsleistungen vorgelegt werden. Anbieter von Betreuungsleistungen können auch direkt mit der Pflegekasse abrechnen.

Die zuständige Pflegekasse stellt Pflegebedürftigen auf Verlangen eine Liste der in ihrem Einzugsbereich vorhandenen qualitätsgesicherten Betreuungsangebote zur Verfügung, deren Leistungen mit dem Betreuungsbetrag finanziert werden können.

 

3.2. Praxistipps

  • Niedrigschwellige Betreuungsangebote gibt es häufig in Form von Betreuungsgruppen für Demenzkranke und ehrenamtlichen Helferkreisen. Informationen bekommt man z.B. von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (externer Linkwww.deutsche-alzheimer.de), einer örtlichen Seniorenberatungsstelle oder dem Sozialpsychiatrischen Dienst.
  • Der Familienunterstützende Dienst (FuD, auch Familienentlastender Dienst FED) ist vorrangig für die Entlastung von Familien mit behinderten Menschen tätig.

 

4. Zusätzliche und erhöhte Leistungen der ambulanten Pflege seit 2013zum Inhaltsverzeichnis

Seit 1.1.2013 gibt es folgende Leistungen zusätzlich für Menschen mit erheblichem allgemeinem Betreuungsbedarf:

 

Pflegebedürftige mit erheblichem allgemeinem Betreuungsbedarf haben in Pflegestufe 1 und 2 erhöhte Ansprüche auf Pflegegeld und Pflegesachleistung:

  • Pflegegeld bei Pflegestufe 1: 316,- €
  • Pflegegeld bei Pflegestufe 2: 545,- €
  • Pflegesachleistung bei Pflegestufe 1: bis zu 689,- €.
  • Pflegesachleistung bei Pflegestufe 2: bis zu 1.298,- €.

 

Zusätzlich haben alle Pflegebedürftigen, die Anspruch auf die in diesem Punkt aufgeführten Leistungen haben, Anspruch auf häusliche Betreuungsleistungen (§ 124 SGB XI) über die Grundpflege und hauswirtschaftliche Versorgung hinaus, z.B. Unterstützung von Aktivitäten im häuslichen Umfeld, die der Kommunikation und Aufrechterhaltung sozialer Kontakte dienen, z.B. Musik auf Rädern externer Linkwww.musikaufraedern.de.

 

5. Stärkung von Selbsthilfegruppenzum Inhaltsverzeichnis

Mit je 10 Cent pro Versichertem und Jahr werden Selbsthilfegruppen und -stellen gefördert, die Pflegebedürftige, Menschen mit erheblichem allgemeinem Betreuungsbedarf und deren Angehörige unterstützen (§ 45d Abs. 2 SGB XI). Eine Förderung der Selbsthilfe durch die Pflegekasse ist ausgeschlossen, wenn das Angebot bereits von der Krankenkasse (§ 20h SGB V) gefördert wird.

 

6. Wer hilft weiter?zum Inhaltsverzeichnis

Pflegekassen

 

7. Verwandte Linkszum Inhaltsverzeichnis

Häusliche Pflege

Pflegegeld

Kurzzeitpflege

Tages- und Nachtpflege

Demenz

 

Gesetzesquelle(n) 

(§§ 45 a, b, c, 123 SGB XI)

 

Letzte Aktualisierung am 04.01.2016   Redakteur/in: Sandra Kolb

Bewerten Sie die obigen Informationen (Schulnoten-System) 

1 (sehr gut) 6 (ungenügend)