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Inkontinenzhilfen

 

Der folgende Text ist in großen Teilen dem Hilfsmittelverzeichnis der GKB-Spitzenverbandes entnommen, Originaltext unter externer Linkhttps://hilfsmittel.gkv-spitzenverband.de/produktgruppeAnzeigen_input.action?gruppeId=15

 

1. Das Wichtigste in Kürzezum Inhaltsverzeichnis

Inkontinenzhilfen dienen Menschen, die nicht in der Lage sind, Harn und/oder Stuhlabgang willkürlich zu kontrollieren. Ursache können Fehlbildungen, Krankheits- oder Verletzungsfolgen sein. Man unterscheidet aufsaugende Versorgung, ableitende Versorgung, Hilfsmittel zum Training der Beckenbodenmuskulatur und Intrauretrale/Intravaginale Inkontinenztherapiesysteme. Notwendige, vom Arzt verordnete Inkontinenzhilfen werden von der Krankenkasse bezahlt.

Näheres zu Zuzahlungen unter Hilfsmittel.

 

2. Ursachenzum Inhaltsverzeichnis

Man unterscheidet Harn- und Stuhlinkontinenz.

 

2.1. Harninkontinenz

Hilfsmittel zur Urininkontinenzversorgung sollen Harnausscheidungen auffangen, möglichst hautfern ableiten und speichernd sammeln, um Infektionen, Hautverletzung und sonstige Störungen zu verhindern.

Man unterscheidet bei Harninkontinenz verschiedene Arten (Definition nach der ICS, International Continence Society):

  • Stress-/Belastungsinkontinenz
    Harnabgänge ohne vermehrten Harndrang bei körperlicher Belastung wie Husten, Niesen, Lachen, Treppensteigen und schwerem Heben. Die Blasenmuskelaktivität ist normal. Es besteht meist eine Beckenbodenschwäche aufgrund morphologischer Veränderungen, so dass die Drucktransmission auf die Harnröhre und deren Verschlussmechanismus aufgrund der Senkung und der morphologischen Veränderungen nicht mehr effizient genug sind.
  • Motorische Dranginkontinenz (Urge-Inkontinenz)
    Es kommt zu unwillkürlichen Harnabgängen in Verbindung mit zwanghaft gesteigertem Harndrang und messbarer Hyperaktivität des Blasenmuskels. Bei Einsetzen der Blasenmuskelkontraktion ist eine willentliche Unterdrückung nicht mehr möglich.
  • Sensorische Dranginkontinenz (Urge-Inkontinenz)
    Es kommt zu zwanghaftem Harndrang, dem nachgegeben werden muss. Bei der Blasendruckmessung sind keine ungehemmten Detrusoraktivitäten nachweisbar.
  • Reflexinkontinenz
    Ähnlich der motorischen Dranginkontinenz, das Gefühl für den Harndrang fehlt allerdings. Die Ursache ist immer neurogen und beruht auf einem pathologischen spinalen Reflex, häufig im Verbund mit paradoxer Schließmuskelreaktion.
  • Überlaufinkontinenz
    Fehlendes oder vermindertes Harndranggefühl. Bei Überschreiten der Maximalkapazität kommt es zur gewaltsamen Öffnung des Blasenauslasses und zur Entleerung, bis der Blaseninnendruck wieder unter den Verschlussdruck absinkt. Tritt häufig nach langfristig wirksamer Obstruktion (siehe auch motorische Dranginkontinenz) sekundär auf, wenn eine myogene Schädigung bei chronisch überdehntem Detrusor manifest wird. Auch neurogen bei Schädigung des sakralen Miktionszentrum oder peripher. Nicht selten auch medikamentös bedingt (Arzneimittel-Nebenwirkung).
  • Extraurethrale Harninkontinenzformen
    Treten meist als angeborene Fehlbildungen auf oder im Falle von harnabsondernden Fisteln als Folge operativer oder entzündlicher Ereignisse.

 

2.2. Stuhlinkontinenz

Die Stuhlinkontinenz beruht auf einer direkten oder indirekten Störung der analen Schließmuskelfunktion.

 

Üblich ist das Auffangen des Stuhls in Vorlagen oder Windelhosen. Da bei derartigen Inkontinenzhilfen immer mit Geruchsbelästigung und Störung des Gehens/Laufens gerechnet werden muss, sind Verschlussversorgungen konzipiert worden.

 

3. Versorgungsartenzum Inhaltsverzeichnis

Inkontinenzhilfen lassen sich in 4 wesentliche Gruppen einteilen.

 

3.1. Aufsaugende Versorgung

Aufsaugende Inkontinenzprodukte saugen Körperausscheidungen auf und sollen dadurch eine Dauerbefeuchtung der Haut im Anwendungsbereich vermeiden. Geeignet sind Produkte, die körpernah getragen werden und dabei eine feuchtigkeitsdichte Abschlussschicht an der hautabgewandten Seite haben. Die Produkte selbst gibt es als:

  • Vorlagen
    Vorlagen können in einer handelsüblichen Unterhose oder in einer sog. Netzhose bzw. Fixierungshose getragen werden.
  • Inkontinenzhosen werden in zwei Formen angeboten:
    Windelhosen mit wiederverschließbaren Systemen (Klett-/Haftstreifen)
    Inkontinenzunterhosen, sog.  "Pants", die kein Verschlusssystem besitzen und wie normale Unterwäsche angezogen werden.

 

Die vorrangige/hautfreundlichste Versorgung ist eine anatomische Vorlage mit Netzhose. Wenn aufgrund des Krankheitsbildes diese Produkte nicht zweckmäßig sind oder nicht ausreichen, können Inkontinenzhosen in Betracht kommen. Windelhosen stellen die Regelversorgung dar. Inkontinenzunterhosen bieten gegenüber Windelhosen keinen therapeutischen Vorteil.

 

3.2. Ableitende Versorgung

Ableitende Versorgungsprodukte leiten den Harn bzw. Stuhl direkt oder über Verbindungsschläuche in entsprechende Auffangbeutel o.ä. Sie schonen die Haut, da der oft sehr konzentrierte Urin nicht mit Genitalbereich und Gesäß in Berührung kommt. Dazu gehören u.a.:

  • Urinalkondome oder Rolltrichter verschiedener Art in Verbindung mit Auffangbeuteln
    Urinalkondome werden wie normale Kondome über den Penis gerollt und mit Haftstreifen oder Kleber befestigt. Sie fangen den Urin auf und leitet diesen über Schlauchverbindungen in einen Urinauffangbeutel ("Urinal") weiter. Das Urinal kann tagsüber mittels Holster am Bein getragen werden und nachts am Bett befestigt werden.
  • Katheter verschiedener Art
  • Urin- und Stuhlauffangbeutel

 

Urinalbandagen werden in der Praxis nur noch selten eingesetzt, da es zwischenzeitlich andere Versorgungsmöglichkeiten gibt. 

 

3.3. Hilfsmittel zum Training der Beckenbodenmuskulatur

Übungsbehandlungen zur Verbesserung der Kontrolle des Harndrangs sind  mit den folgenden Trainingsgeräten vorgesehen:

  • Trainingsgewichte bzw. Konen
  • Mechanische Druckaufnahmesysteme
  • Elektronische Messsysteme der Beckenboden-Muskelaktivität

Diese Geräte trainieren die Blasenausgangs-/Beckenbodenmuskulatur. Vor der Verordnung derartiger Systeme sollten zunächst durch fachurologische, gynäkologische, chirurgische, proktologische Untersuchungen die therapeutischen Alternativen abgewogen werden und der Patient vom Arzt in die Handhabung des Systems eingewiesen worden sein.

 

Elektrostimulationsgeräte zählen nicht zu den Inkontinenzhilfsmitteln, sondern bilden die eigene Hilfsmittelgruppe 09.

Inkontinenztherapiegeräte finden sich unter der Ortsnummer 37 Nerven/Muskel. Sie stimulieren die Beckenbodenmuskulatur und werden unterstützend zur Behandlung der Inkontinz eingesetzt. Die Behandlungselektroden werden dabei durch eine kleine Sonde über den Anus in den Enddarm eingeführt. Dabei wird die Beckenbodenmuskulatur durch einen milden Reizstrom kontrahiert. Der Patient kann die Intensität der Stimulation selbstständig regeln. Entsprechend ausgestattete Geräte geben optisch oder akustisch Rückmeldung (Feedback) über die Qualität der Muskelanstrengung.

 

3.4. Intrauretrale/Intravaginale Inkontinenztherapiesysteme

Diese Systeme sind für den Einsatz in die weibliche Harnröhre bzw. in die Vagina konzipiert. Man unterscheidet:

  • intraurethale Inkontinenztherapiesysteme
    sollen die weibliche Harnröhre mittels eines in der Harnröhre platzierten Ballons verschließen und so den ungewollten Abfluss von Urin verhindern
  • Pessare und Vaginaltampons
    Intravaginale Inkontinenztherapiesysteme dienen zur Stützung bzw. Anhebung des Blasenhalses. Damit wird auch eine Unterstützung der Beckenbodenmuskulatur erreicht, durch die ggf. langfristig eine Kontinenz erreicht werden kann.

 

4. Kostenübernahme Krankenkassezum Inhaltsverzeichnis

Inkontinenzhilfen müssen vom Arzt verordnet werden.

Vor der Verordnung von Inkontinenzhilfen ist eine fachärztliche (urologische, gynäkologische) Abklärung anderer Therapiemöglichkeiten unbedingt erforderlich.

 

Die Verordnung von Inkontinenzhilfen zu Lasten der Krankenkasse kommt dann in Betracht, wenn eine mindestens mittelgradige (Richtwert: 100 ml in 4 Stunden) Harn- und/oder Stuhlinkontinenz vorliegt und der Einsatz der Inkontinenzhilfen

  • medizinisch indiziert und
  • im Einzelfall erforderlich ist und
  • den Patienten in die Lage versetzt, Grundbedürfnisse des täglichen Lebens zu befriedigen.

 

Die Notwendigkeit einer Inkontinenzversorgung sollte in regelmäßigen Abständen (3 - 6 Monate) vom behandelnden Arzt oder dem MDK überprüft werden, damit es nicht zu einer routinemäßigen Hilfsmittelversorgung beim Patienten kommt. Insbesondere bei einer über einen längeren Zeitraum notwendigen Versorgung mit Inkontinenzhilfen sind unter Berücksichtigung des Wirtschaftlichkeitsgebots (§ 12 SGB V) alle in Frage kommenden Einsparmöglichkeiten (z.B. Direktbezug) zu nutzen.

 

Versorgungssets für die ableitende Inkontinenzversorgung sind nur dann zu Lasten der Krankenkasse verordnungsfähig, wenn das Set aus zugelassenen Produkten besteht. Für die Abrechnung sind die Positionsnummern der zugelassenen Einzelprodukte anzugeben. Nicht zugelassene Teile eines Sets können nicht zu Lasten der Krankenkasse verordnet werden. 

 

Pessare werden von der Krankenkasse nur übernommen, wenn sie von der Patientin selbstständig wieder entfernt, gereinigt und neu eingesetzt werden können.

 

Wassertherapiehosen können von der Krankenkasse bezuschusst werden, wenn sie

  • inkontinente Menschen für Übungsbehandlungen im Wasser oder zur Krankengymnastik im Bewegungsbad (verordnet als Heilmittel) benötigen.
  • schulpflichtige inkontinente Kinder benötigen, die am Schwimmen im Rahmen der Schulpflicht teilnehmen. 

Die Höhe des Zuschusses wird individuell geprüft. Der Zuschuss kann unter der entsprechenden Abrechnungspositionsnummer abgerechnet werden.

 

4.1. Nicht verordnungsfähig

Vorlagen, die der Hygiene dienen (z.B. Monatsbinden) und der Aufnahme geringer Ausscheidungsmengen, gelten nicht als Inkontinenzhilfen. Sie dienen mehr einem persönlichen Sicherheitsbedürfnis, dessen Befriedigung eventuell die Einleitung einer gezielten Diagnostik und Therapie verhindert oder verzögert. Sie dienen im übrigen eher dem Schutz der Kleidung, da bei geringen Urinmengen sekundäre Hautveränderungen nicht zu erwarten sind.

 

Penistaschen verfügen ebenfalls nur über eine zu geringe Saugleistung und stellen daher keine adäquate Inkontinenzversorgung dar.

 

Ausschließlich der Erleichterung hygienischer und pflegerischer Maßnahmen dienende Produkte werden nicht von der Krankenkasse bezahlt. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn aufgrund des körperlichen oder geistigen Zustands dauernde Bettlägerigkeit vorliegt und Inkontinenzhilfen allein aus hygienischen oder pflegerischen Gesichtspunkten zum Einsatz kommen.

 

Krankenunterlagen wirken nicht körpernah (direkt am Ausscheidungsort) und werden deswegen nicht der Produktgruppe "Inkontinenzhilfen" zugeordnet. Die Voraussetzungen für eine Verordnung zu Lasten der Krankenkasse sind im Hilfsmittelverzeichnis in der Produktgruppe 19 "Krankenpflegeartikel" definiert: externer Linkhttps://hilfsmittel.gkv-spitzenverband.de/produktgruppeAnzeigen_input.action?gruppeId=19.

 

Kinder brauchen im Allgemeinen bis zum 3. Lebensjahr Windeln. Daher bezahlt die Krankenkasse bis zu diesem Lebensalter keine Windeln.

 

Pessare zur Schwangerschaftsverhütung werden nicht als Inkontinzartikel von der Krankenkasse bezahlt.

 

Produkte, die vom Arzt angelegt oder vom Arzt in den Körper eingeführt werden, sind keine Hilfsmittel. Da die Erstanlage und der Wechsel der suprapubischen Katheter zwingend durch den Arzt durchgeführt werden muss, zählen diese nicht zu den Inkontinenzhilfen.

 

5. Praxistippzum Inhaltsverzeichnis

Der behandelnde Arzt muss ein Hilfsmittelrezept ausstellen, auf dem die Krankheit und die Schwere der Inkontinenz angegeben sind. Wichtig sind die genaue Produktbezeichnung, die gewünschte Größe, Stückzahl und der Versorgungszeitraum, z.B.: "Aufsaugende Inkontinenzversorgung vom 01.05.14-01.07.2016, Pants Größe S, Marke XY. Diagnose: schwere Harn- und Stuhlinkontinenz bei Prostatakrebs." Mit dieser Verordnung kann man dann bei der Krankenkasse nachfragen, ob die Pants vom Sanitätshaus geliefert werden können.

 

Viele Krankenkassen haben allerdings Vertragspartner, die Produkte deutschlandweit ausliefern, was einige Zeit dauern kann. Bis die Lieferung erfolgt, können selbst Vorlagen oder ähnliches gekauft werden, die Rechnung wird bis zum Festbetrag von der Krankenkasse erstattet. 

 

Umfangreiche Informationen und Tipps zur Versorgung mit Inkontinenzhilfen gibt der Selbsthilfeverband Inkontinenz unter externer Linkwww.selbsthilfeverband-inkontinenz.org/svi_suite/svisuite/service-infos.php.

 

6. Verwandte Linkszum Inhaltsverzeichnis

Hilfsmittel

Pflegehilfsmittel

CED > Sport und Mobilität

Prostatakrebs > Hilfsmittel und Heilmittel

 

 

Letzte Aktualisierung am 28.05.2016   Redakteur/in: Andrea Nagl

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