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Psychosen > Allgemeines

 

1. Das Wichtigste in Kürzezum Inhaltsverzeichnis

Psychotische Störungen (Psychosen) sind psychische Erkrankungen, die mit Veränderungen der Gedanken, der Wahrnehmung und des Verhaltens einhergehen. Die Erkrankten können zeitweise nicht zwischen Wirklichkeit und eigenen Vorstellungen unterscheiden. Sie sind sehr sensibel und oft auch sehr kreativ. Sie erleben sich selbst häufig nicht als krank, ihre Wahrnehmungen sind ihnen selbst sehr real. Bei vielen Patienten spielen integrative, den Tagesablauf gliedernde, Normalität herstellende Maßnahmen eine wichtige Rolle.

 

2. Vorbemerkungzum Inhaltsverzeichnis

Psychotische Störungen (Psychosen) sind zum Teil schwer exakt zu diagnostizieren. Psychosen können beispielsweise nicht durch apparative Untersuchungen (z.B. mit bildgegeben Verfahren) festgestellt werden. Zusätzlich berichten Erkrankte, krankheitsbedingt, nicht alle wesentlichen Informationen während des diagnostischen Gesprächs. Im Anfangsstadium der Erkrankung besteht eine Krankheitseinsicht nur in den seltensten Fällen. Verkomplizierend kommt hinzu, dass in den letzten Jahren

  • sich die Haltung "gegenüber" dem Patienten und die Arbeit mit dem Patienten wandelten,
  • neue Behandlungsansätze hinzugekommen sind,
  • verschiedene Lehrmeinungen und Terminologien miteinander konkurrieren und
  • ähnliche Symptome bei den verschiedensten Störungen auftreten.

 

Das betanet gibt aus medizinisch-therapeutischer Sicht nur einen kurzen Überblick - im Kern informiert es zu sozialrechtlichen und psychosozialen Themen. Dies soll jedoch nicht heißen, dass die Autoren dem sozialtherapeutischen Ansatz den Vorzug geben. Die Gewichtung medikamentöser, psychologischer und sozialer Therapieelemente liegt in der Entscheidungshoheit von Arzt und Patient.

 

2.1. Sozialrecht und Psychosen

Betroffene, Angehörige und Therapeuten sollten sich bewusst machen, dass im Sozialrecht Formalitäten wie Anträge und Fristen schwerwiegende Auswirkungen auf mögliche (finanzielle) Leistungen und den Versicherungsschutz haben können. Nur sehr selten wird es gelingen, bei Behörden und Versicherungen eine abgelaufene Frist mit dem Hinweis auf eine Akutphase verlängern zu können. Eine besondere Wachsamkeit ist hier beim Auslaufen des Krankengelds und der damit verbundenen Gefahr des Verlusts des Krankenversicherungsschutzes erforderlich.

Das Sozialrecht ist schon für einen "normalen" Menschen nicht leicht verständlich. Patienten mit einer verzerrten Sicht auf die Welt brauchen hier umso mehr Hilfe, wenn möglich in Form von Hilfe zur Selbsthilfe. In Akutphasen müssen aber auch wachsame Betreuer und Angehörige entsprechende Briefe und Fristen ernst nehmen und sofort darauf reagieren.

 

3. Formen psychotischer Störungenzum Inhaltsverzeichnis

Bei den psychotischen Störungen (Psychosen) werden folgende Formen unterschieden:

  • Organische Psychosen
    Es gibt eine organische Ursache, z.B. Demenz, Hirnverletzungen.
  • Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis
    Sehr unterschiedliche Erscheinungsbilder mit einem Schwerpunkt auf kognitiven Störungen bei Wahrnehmung und Denken.
  • Affektive Psychosen
    Veränderungen der Realitätsverarbeitung im Zusammenhang mit eher affektiven Störungen von Stimmung und Antrieb in Richtung einer Depression oder Manie oder in beide Richtungen (= bipolare Störung).
  • Schizoaffektive Psychosen
    Wechsel von Symptomen einer Schizophrenie, einer Depression und/oder einer Manie.

 

4. Auftreten und Verlaufzum Inhaltsverzeichnis

Psychotische Störungen sind relativ häufig; es wird davon ausgegangen, dass ca. 2 % der Bevölkerung im Lauf des Lebens eine Psychose entwickeln, 1 % im Sinne von schizophrenen Psychosen, 1 % im Zusammenhang mit Depression und Manie. Der Verlauf psychotischer Störungen ist sehr unterschiedlich und hängt neben der diagnostizierten Störungsform auch vom Betroffenen und von den therapeutischen Maßnahmen ab.

 

Psychosen verlaufen in Phasen. In der akuten Phase sind die Symptome sehr ausgeprägt, die Patienten werden dann möglichst dicht, häufig stationär betreut. In der sich daran anschließenden Stabilisierungsphase brauchen viele Patienten Ruhe und Zeit zur Erholung. In der dritten, der Remissionsphase, gehen die Symptome stark zurück oder verschwinden ganz. Direkt nach der Psychose berichten viele Betroffene von einer eingeschränkten Konzentrationsfähigkeit. Rehabilitative Maßnahmen sowie Zeit können bei der Wiederherstellung unterstützend wirken.

 

Ein Teil der Betroffenen durchlebt nur eine einmalige Akutphase. Manche müssen in Lebenskrisen mit erneuten Phasen rechnen. Bei anderen kann es zu bleibenden Beeinträchtigungen kommen. Sie müssen lernen damit umzugehen, können mit entsprechenden Hilfen aber ein eigenständiges und zufriedenstellendes Leben führen. In vielen Fällen entwickelt sich eine Psychose chronisch und verläuft in Schüben, aber die Betroffenen können den Umgang mit den zeitweisen Störungen lernen und dazwischen ihr Leben leben.

 

5. Ursachenzum Inhaltsverzeichnis

Mit Ausnahme der organischen Psychosen sind die Ursachen weitgehend unbekannt. Vermutet werden zum einen Störungen des Hirnstoffwechsels, zum anderen anlagebedingte Faktoren (genetische Verletzlichkeit) im Zusammenhang mit äußeren psychischen Belastungen. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass ein früher Konsum von Drogen (z.B. Cannabis) und das Aufwachsen in einem städtischen Wohnumfeld mit zu den Risikofaktoren zählen.

 

Das derzeit aktuelle Vulnerabilitäts-Stress-Modell besagt, dass bestimmte Belastungssituationen wie etwa Auszug aus dem Elternhaus, Eheschließung, Tod eines Angehörigen, Drogenkonsum etc. im Zusammenhang mit einer angeborenen Vulnerabilität (Anfälligkeit) eine psychotische Störung auslösen könnten, d.h.: Einer Psychose könnten genetisch-biologische und psychosoziale Ursachen zugrunde liegen. Bei extremer Reizüberflutung oder extremem Reizentzug kann jeder Mensch gezwungen sein, aus der Realität auszusteigen. Das unterstreicht die anthropologische Sicht, dass die Möglichkeit, psychotisch werden, zum Wesen des Menschen gehört.

 

6. Symptomezum Inhaltsverzeichnis

Nachfolgend eine Schilderung von Symptomen einer psychotischen Störung am Beispiel der Schizophrenie. Diese Erkrankung tritt meist zwischen dem 15. und 35. Lebensalter das erste Mal auf.

Die Schilderung erfolgt in der Absicht, ein minimales Verständnis für das Erleben der Patienten zu erreichen. Patienten können versuchen, vertrauten Menschen das zu schildern, was sie in einer akuten Psychose erlebt haben. Angehörige, Betreuer und Therapeuten können versuchen, für diese Erlebnisse ein Verständnis zu entwickeln. Sie sollten jedoch immer beachten, dass der Mensch nie nur aus psychotischen Symptomen besteht. Dies kann gegenseitiges Verständnis fördern und Konflikte und gegenseitige Verletzungen reduzieren.

 

6.1. Plussymptomatik

In einer schizophrenen Akutphase erscheint Außenstehenden die gesamte Persönlichkeit des Betroffenen auf verschiedene Art fremdgesteuert. Zu den sog. Plussymptomen (positive oder produktive Symptome) zählen:

  • Wahn
    Eine nicht korrigierbare, "falsche" Beurteilung der Realität. Am häufigsten leiden die Patienten unter Verfolgungs- und Beziehungsideen. Sie beziehen das Verhalten anderer Menschen wahnhaft auf sich selbst. Ein Wahn kann sich sowohl mit als auch ohne äußere Wahrnehmungen entwickeln. Erkennbar für einen Laien wird eine schizophrene Psychose meistens an der "Wahnsymptomatik", z.B. haben Betroffene die Überzeugung, eine religiöse Aufgabe zu haben oder von Außerirdischen beobachtet zu werden. Häufig herrscht beim Patienten die Überzeugung, dass sein Handeln oder seine Gedanken von Fremden gesteuert würden.
  • Halluzinationen
    Empfunden wird eine Sinneswahrnehmung, der kein realer Sinnesreiz zugrunde liegt. Diese Täuschung kann alle Sinnesorgane betreffen, wobei es am häufigsten zu akustischen Halluzinationen kommt. Etwa 84 % der Erkrankten hören Stimmen. Selten sind dabei "befehlende" und am häufigsten "gedankenkontrollierende" oder "beleidigende" Stimmen.
  • Ich-Störungen
    Die Grenze zwischen der eigenen Person und der Umwelt wird als durchlässig empfunden. Körper, Gedanken oder/und Gefühle werden als fremd erlebt. Auch kann es zu einem Gefühl der Beeinflussung oder Eingebung bzw. auch dem Entzug der Gedanken kommen. Der Patient lebt zugleich in einer wirklichen und einer wahnhaften Welt.
  • Formale Denkstörungen: "Wie" jemand denkt und spricht
    Darunter fallen Verzerrungen des herkömmlichen Denkablaufs, Zerfahrenheit mit sprunghaften und unlogischen Gedankengängen oder Abbruch eines Gedankengangs ohne erkennbaren Grund. Der Patient verschmilzt verwandte Wörter oder erfindet neue.

 

6.2. Minussymptomatik

Zu den sogenannten Minussymptomen (negative oder Defizienzsymptome) zählen

  • sozialer Rückzug,
  • emotionale Verarmung oder Verflachung,
  • Antriebsunlust,
  • Spracharmut,
  • Aufmerksamkeitsstörungen,
  • Willensschwäche,
  • mangelnde Körperpflege und
  • psychomotorische Verlangsamung.

 

Bei ausgeprägteren Schweregraden der Krankheit können sog. "katatone" Symptome erscheinen. Diese treten vor allem bei psychomotorischen Störungen auf und können von starker Erregung bis hin zur körperlichen Erstarrung reichen.

 

Manche Patienten berichten von einer Überempfindlichkeit gegenüber Licht oder Farben, Geräuschen, Gerüchen oder Geschmacksempfindungen. Auch das Zeitempfinden kann gestört sein. Die intellektuellen Fähigkeiten sowie die Persönlichkeit sind nicht beeinträchtigt. 

 

7. Freizeit und Kommunikationzum Inhaltsverzeichnis

Wenn Patienten nicht mehr arbeiten (können), verfügen sie über sehr viel Freizeit. Sie sollten versuchen, verbliebene Fähigkeiten wie Schreiben, Malen, Kochen oder auch körperliche Aktivitäten regelmäßig in den Tagesablauf einzuplanen. Angehörige können hier unterstützend motivieren.

 

Erkrankte werden von den Symptomen selbst daran gehindert, Schritte gegen die Symptome einzuleiten. Beispielsweise gehen Patienten mit einer schizophrenen Psychose, die ein hohes Misstrauen besitzen, nicht auf andere Menschen zu. Eine krankheitsbedingte Aktionslosigkeit kann zu einer Verschlechterung des Krankheitsverlaufs führen. Angehörige sollten daher mit in eine Therapie und in den Alltag eingebunden werden.   

 

Um der sozialen Isolation vorzubeugen ist es sinnvoll, wenn der Patient - mit Unterstützung der Angehörigen - Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt. Möglichkeiten bieten folgende Einrichtungen:

  • Selbsthilfegruppen Psychiatrie-Erfahrener
  • Tagesstätten für psychisch kranke Menschen
  • Patientenclubs (Clubhaus für psychisch kranke Menschen)

 

Adressen bekommen Sie

 

8. Praxistipp Ratgeberzum Inhaltsverzeichnis

Kostenloser Download: PDF-DownloadRatgeber Psychosen mit Informationen zu allen oben stehenden Themen und den Informationen in den nachfolgend verlinkten Artikeln. 

 

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RedakteurInnen: Maximilian Glaser, Andrea Nagl

 

Letzte Aktualisierung am 13.10.2017   Redakteur/in: Andrea Nagl

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