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Soziotherapie

 

1. Das Wichtigste in Kürzezum Inhaltsverzeichnis

Soziotherapie im Sinne der Krankenversicherung ist die ambulante Betreuung schwer psychisch kranker Menschen. Darunter ist vor allem die Motivation zur Inanspruchnahme ärztlicher Behandlung und Betreuungsleistungen zur Vermeidung einer Krankenhausbehandlung zu verstehen.

 

2. Voraussetzungzum Inhaltsverzeichnis

Bei der Verordnung von Soziotherapie sind alle nachfolgenden Kriterien zu beachten.

 

2.1. Vorhandene Fähigkeiten

Der Patient muss die Therapieziele erreichen können. Deshalb sollte er über die hierzu notwendige Belastbarkeit, Motivierbarkeit und Kommunikationsfähigkeit verfügen und in der Lage sein, einfache Absprachen einzuhalten.

 

2.2. Krankenhaus vermeiden

Durch die Verordnung wird eine Krankenhausbehandlung vermieden oder verkürzt wird. Soziotherapie ist auch möglich, wenn die Krankenhausbehandlung zwar notwendig, aber nicht ausführbar ist.

 

2.3. Betreuungsplan

Soziotherapie kann nur durchgeführt werden, wenn ein Betreuungsplan vorliegt, der die Elemente und Ziele der Soziotherapie beschreibt und der zwischen dem verordnenden Arzt, dem Versicherten und dem soziotherapeutischen Leistungserbringer abgestimmt ist.

 

2.4. Soziotherapiefähige Krankheitsbilder

Die Erkrankungen, die der Soziotherapie bedürfen, sind gekennzeichnet durch folgende Fähigkeitsstörungen:

  • Beeinträchtigung durch Störungen des Antriebs, der Ausdauer und der Belastbarkeit, durch Unfähigkeit zu strukturieren, durch Einschränkungen des planerischen Denkens und Handelns sowie des Realitätsbezugs.
  • Störungen im Verhalten mit Einschränkung der Kontaktfähigkeit und fehlender Konfliktlösungsfähigkeit.
  • Einbußen im Sinne von Störungen der kognitiven Fähigkeiten wie Konzentration und Merkfähigkeit, der Lernleistungen sowie des problemlösenden Denkens
  • Krankheitsbedingt unzureichender Zugang zur eigenen Krankheitssymtomatik und zum Erkennen von Konfliktsituationen und Krisen.

 

Soziotherapie in Anspruch nehmen können Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen aus den Bereichen des schizophrenen Formenkreises (s.a. Psychosen > Allgemeines) und der affektiven Störungen (s.a. Depressionen > Allgemeines).

 

Patienten mit anderen schweren psychischen Erkrankungen können unter bestimmten Umständen ebenfalls Soziotherapie erhalten, vor allem bei einer Mehrfacherkrankung mit z.B. einer Suchterkrankung oder bei allgemein stark eingeschränkten Fähigkeiten.

 

Ausgeschlossen sind Patienten mit akuten psychotischen Episoden und gerontopsychiatrischen Symptomen.

 

2.5. Verordnung

Verordnen dürfen Soziotherapie nur bestimmte Ärzte und Einrichtungen:

  • Nervenärzte und Psychiater, die von der Kassenärztlichen Vereinigung zugelassen sind, eine Soziotherapie zu verordnen. Der Antrag wird dann bei der Krankenkasse eingereicht und bei entsprechender Diagnose genehmigt.
  • Institutsambulanzen an einschlägigen Kliniken und dort tätige Ärzte.
  • Krankenhausärzte oder Ärzte in Rehakliniken für die ersten 7 Tage nach Entlassung.
  • Wenn ein Arzt nicht selbst verordnen kann, kann er den Patienten überweisen. Wenn er erkennt, dass der Patient aufgrund seiner psychischen Erkrankung diese Überweisung nicht wahrnehmen kann, kann er 5 Stunden Soziotherapie verordnen (Vordruck "Verordnung bei Überweisung zur Indikationsstellung bei Soziotherapie gem. § 37a SGB V"), damit der Patient motiviert werden kann, die Überweisung wahrzunehmen.

 

Maßnahmen der Soziotherapie und der psychiatrischen Krankenpflege können in der Regel nur nacheinander, nicht zeitlich nebeneinander verordnet werden.

Ausnahme: Die Maßnahmen ergänzen sich aufgrund ihrer jeweiligen Zielsetzung. Diese Abgrenzung gegeneinander ist dann sowohl im Behandlungsplan der psychiatrischen Krankenpflege als auch im soziotherapeutischen Betreuungsplan darzulegen.

 

3. Zielzum Inhaltsverzeichnis

Ziel der Soziotherapie ist der Abbau psychosozialer Defizite, damit Patienten selbstständig und eigenverantwortlich medizinische Leistungen in Anspruch nehmen können, z.B.:

  • Koordinierung der Leistungen, d.h. Organisation der notwendigen medizinischen Maßnahmen, z.B. deren zeitliche Planung
  • therapiegerechte, selbstständige Einnahme von Medikamenten
  • Motivation zur Inanspruchnahme medizinischer Leistungen
  • Einsicht in die Notwendigkeit medizinischer Leistungen
  • Bereitschaft zur Inanspruchnahme medizinischer Leistungen
  • Soziale Kontaktfähigkeit und Kompetenz fördern

 

4. Leistungsinhaltzum Inhaltsverzeichnis

Folgende Leistungen sind in jedem Fall zu erbringen:

  • Betreuungsplan erstellen.
  • Koordination und Begleitung bei der Umsetzung des Betreuungsplans, Hilfe zur Selbsthilfe.
  • Arbeit im sozialen Umfeld: häusliche, soziale und berufliche Situation.
  • Soziotherapeutische Dokumentation, d.h. der Soziotherapeut beschreibt die durchgeführten Maßnahmen (Art und Umfang), den Behandlungsverlauf und die bereits erreichten und noch verbleibenden Therapieziele.

 

Zusätzlich kann der Soziotherapeut folgende Leistungen erbringen:

  • Training, um Motivation, Belastbarkeit und Ausdauer zu verbesssern.
  • Trainung zur handlungsrelevanten Willensbildung, z.B. Verhaltensänderungen, Tagesstruktur, planerisches Denken.
  • Anleitung, um die Krankheitswahrnehmung zu verbessern.
  • Hilfe in Krisensituationen.

 

Soziotherapie erfordert  die Zusammenarbeit aller Beteiligten, z.B.:

  • Der verordnende Arzt muss sich über den Erfolg der Maßnahme vergewissern und sie abbrechen, wenn die Ziele nicht erreichbar sind  oder sie beenden, wenn die Ziele vorzeitig erreicht wurden.
  • Bei möglicher vorzeitiger Krankenhausentlassung informiert der Krankenhausarzt einen verordnenden Arzt und klärt ggf. mit einem Soziotherapeuten die Therapiemöglichkeiten.
  • Der Soziotherapeut arbeitet eng mit verordnendem Arzt und Krankenkasse zusammen.
  • Arzt, Patient und Soziotherapeut müssen sich zu folgenden Zeitpunkten abstimmen, um die Leistungen und Therapieziele an den Therapieverlauf anzupassen:
    • mindestens alle 2 Monate
    • vor und nach den 5 Probestungen
    • vor jeder Folgeverordnung

 

5. Dauer zum Inhaltsverzeichnis

Eine Soziotherapie umfasst 120 Stunden à 60 Minuten innerhalb von 3 Jahren je Krankheitsfall. "Krankheitsfall" ist das Krankheitsgeschehen, das eine einheitliche medizinische Ursache hat, z.B. eine nicht ausgeheilte psychische Erkrankung, die immer wieder zu Hilfebedürftigkeit führt. Stunden können in kleinere Einheiten aufgeteilt werden. In besonderen Fällen können auch Gruppentherapiestunden à 90 Minuten stattfinden.

 

Pro Verordnung dürfen maximal 30 Einheiten ausgestellt werden.

 

Vor der ersten Verordnung können bis zu 5 Probestunden verschrieben werden, um die Therapiefähigkeit des Patienten abzuklären. Diese Probestunden können zweimal im Jahr stattfinden.

 

6. Zuzahlungzum Inhaltsverzeichnis

Versicherte müssen eine Zuzahlung von 10 % der kalendertäglichen Kosten der Soziotherapie leisten, jedoch mindestens 5 €, maximal 10 € pro Tag.

 

7. Richtlinienzum Inhaltsverzeichnis

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat zur Durchführung der Soziotherapie sogenannte Soziotherapie-Richtlinien erstellt. Diese Richtlinien können Sie unter externer Linkwww.g-ba.de > Informations-Archiv > Richtlinien downloaden.

 

8. Praxistippzum Inhaltsverzeichnis

8.1. Therapeutensuche

Erbringen können die Soziotherapie nur Soziotherapeuten, die bei der Krankenkasse zugelassen sind und mit dieser einen Vertrag haben.

  • Die Krankenkassen vermitteln Adressen der zugelassenen Soziotherapeuten.
  • Der Berufsverband der Soziotherapeuten listet Adressen von tatsächlich aktiven Soziotherapeuten auf: externer Linkwp.soziotherapie.eu/?page_id=44.
  • Ähnliche Leistungen bieten mancherorts die Sozialpsychiatrischen Dienste und diese wiederum kennen häufig die regionalen Soziotherapie-Angebote.

 

9. Wer hilft weiter?zum Inhaltsverzeichnis

Krankenkasse, Nervenärzte, Psychiater oder die sozialpsychiatrischen Dienste.

 

10. Verwandte Linkszum Inhaltsverzeichnis

Psychosen > Behandlung

Depressionen > Behandlung

Psychiatrische Krankenpflege

 

Gesetzesquelle(n) 

(§ 37a SGB V)

 

Letzte Aktualisierung am 20.05.2017   Redakteur/in: Sabine Bayer

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