Stoma
Inhaltsverzeichnis [Verbergen]
1. Definition
Der Begriff Stoma wird hauptsächlich für einen künstlichen Darm- oder Blasenausgang oder einen bleibenden Luftröhrenschnitt verwendet. Urostoma ist der künstliche Blasenausgang, Enterostoma der künstliche Darmausgang und als Tracheostoma bezeichnet man den künstlichen Zugang zur Luftröhre.
2. Enterostoma
Bei Patienten mit Colitis ulcerosa kann durch die vollständige Entfernung des Dickdarms eine Art "Heilung" des Patienten erreicht werden, da sich die Darmentzündung auf den Dickdarm beschränkt.
2.1. Vorteile
Für Patienten, die nicht (mehr) auf Medikamente ansprechen, bietet die planmäßige Entfernung des Dickdarms die Chance auf ein "normales" Leben ohne Schmerzen und ständige Durchfälle. Nach jahrelangen Beschwerden mit dem chronisch-entzündlichen Dickdarm schätzen viele Patienten nach der Entfernung des Dickdarms ihre Lebensqualität mit Stoma als fast genauso gut ein wie vor Ausbruch der Erkrankung. Die Patienten sind in der Regel wieder fit und belastbar.
2.2. Varianten
Als "Ersatz" für den Dickdarm gibt es 3 Möglichkeiten:
- Ileostomie
Künstlicher Darmausgang im Anschluss an den Dünndarm. - Ileoanaler Pouch (engl. für Beutel)
Der Pouch ist eine aus Dünndarmteilen angelegte "Tasche", die mit dem Schließmuskel verbunden wird und so die Stuhlausscheidung auf natürlichem Wege ermöglicht. Zur Entlastung der Darmnähte wird meist vor Anlage eines ileoanalen Pouches vorübergehend ein Stoma angelegt. - Kock'sche Tasche
Dabei wird dem Patienten ein durch die Bauchdecke katheterisierbares Dünndarmreservoir angelegt.
Alle 3 Varianten haben Vor- und Nachteile. Die Versorgung muss bei jedem Patienten individuell entschieden werden.
Wenn bis zur geplanten Operation genügend Zeit ist, sollten sich gerade junge Patienten vorher mit anderen Betroffenen über die verschiedenen Operationsmöglichkeiten, deren Vor- und Nachteile und die Erfahrungen der operierenden Chirurgen unterhalten. Auch Stomatherapeuten sind gut für die Beratung vor der Operation geeignet. Detaillierte und rechtzeitige Informationen erleichtern den Patienten die Entscheidung für ein Leben mit Ileostomie, Pouch oder Kock'scher Tasche.
2.3. Stoma bei Morbus Crohn
Bei Morbus Crohn kann der gesamte Verdauungstrakt von Entzündungen betroffen sein. Wenn die Entzündungsprozesse im Dick-, Dünn- oder Enddarm durch medikamentöse Therapie nicht zu beherrschen sind oder Komplikationen wie Stenosen, Fisteln oder Abszesse auftreten, ist die operative Entfernung der betroffenen Darmabschnitte und eventuell eine Stomaanlage unumgänglich. Die Anlage des Stomas kann auch vorübergehend erfolgen, um dem entzündeten Darmabschnitt Zeit zum Abheilen zu geben oder um Darmnähte zu entlasten.
Die Anlage eines Pouches oder einer Kock'schen Tasche ist bei Morbus Crohn nicht angezeigt, da sich im Pouch neue Entzündungen bilden.
Anders als Colitis ulcerosa ist Morbus Crohn mit Anlage eines Stomas nicht geheilt, weil die Entzündungen auch in anderen Abschnitten des Verdauungstraktes auftreten können. Da im Krankheitsverlauf nicht unbegrenzt weitere Darmabschnitte herausgenommen werden können (Gefahr eines Kurzdarmsyndroms), entfernt man bei Morbus-Crohn-Patienten nur die unheilbar erkrankten Stellen des Darmes und nicht den gesamten Dickdarm. Je nach entfernten Darmabschnitten kommen bei Morbus Crohn Colostomie (Dickdarmausgang) oder Ileostomie (Dünndarmausgang) in Frage.
3. Urostoma
Durch Funktionsunfähigkeit der Blase aufgrund von Erkrankungen oder als Folge von Bestrahlung wird oft eine Urostomie erforderlich.
Es gibt unterschiedliche Varianten:
-
TUUC (Transuretero-Ureterocutane-Ostomie)
Bei Funktionsunfähigkeit der Blase werden beide Harnleiter miteinander verbunden und über die Bauchdecke ausgeleitet. Um der Gefahr einer Stenosebildung vorzubeugen, werden Ureterostomien häufig zu Beginn geschient. - Ileum-Conduit, Colon-Conduit
Die Harnleiter werden mit einem ausgeschalteten und gut durchbluteten Dünn- oder Dickdarmstück verbunden, durch das die Ableitung über ein Stoma in der Bauchdecke erfolgt. Der eingesetzte Darmabschnitt hat keine wesentliche Reservoirfunktion. - Pouch
Rekonstruktion eines blasenartigen Reservoirs aus Dünn- oder Dickdarmabschnitten, um daraus ein kontinentes Urostoma zu bilden. Muss durch Katheterismus entleert werden. - Nierenfistel
Harn kann direkt aus dem Nierenbecken abgelassen werden, indem das gestaute Nierenbecken punktiert und dabei ein Ballonkatheter eingeführt wird. Nierenfisteln müssen immer unter sterilen Bedingungen versorgt werden.
Besondere Ausstattung
-
Urostomien benötigen Beutel mit Ablassventil.
Für die Nacht kann ein Schlauch mit einem großen Auffangbeutel angeschlossen werden, der die gesamte Urinproduktion der Nacht auffängt. - Für den Tag gibt es spezielle Beinbeutel.
Zur Verringerung von Infektionen, Kristallbildung und Hyperkeratosen ist eine eingeschweißte Rücklaufsperre in den Urinbeuteln dringend notwendig.
4. Tracheostoma
Ein Tracheostoma ist eine künstlich geschaffene Öffnung der Luftröhre nach außen, über die mithilfe einer Trachealkanüle entweder spontan selbst geatmet oder maschinell beatmet werden kann. Der Patient wird dazu entweder tracheotomiert, d.h. Luftröhrenschnitt bei erhaltenem Kehlkopf, oder laryngektomiert, d.h. Kehlkopf wurde entfernt (dauerhafter Zustand).
Mögliche Gründe für eine Tracheotomie sind z.B. Langzeitintubationen, Intubationshindernisse durch Tumoren oder andere Engstellen oder starke Blutungen im Nasen-Rachen-Raum.
Trachealkanülen dürfen keine Reizung des Stomas verursachen oder die Wundheiling beeinträchtigen. Sei müssen einfach zu pflegen und leicht und möglichst unauffällig zu tragen sein. Für Dauerträger sollten sie Innenkanülen enthalten.
Trachealkanülen werden in zwei Materialien angeboten:
- Silberkanüle
Stabil, schleimhautverträglich mit bakterizider Wirkung. Erhältlich mit und ohne Fensterung.
Nachteil: Deutlich teurer, nicht bei Radiotherapie einsetzbar, kontraindiziert bei Aspirationsgefahr, da sie keinen Cuff hat. - Kunststoffkanüle
Leicht, pflegefreundlich, jeweils mit und ohne Cuff (= bei sogenannten "geblockten" Kanülen befindet sich am körperseitigen Ende ein Ballon. Dieser dichtet im gefüllten Zustand die Luftröhre sicher ab und verhindert so ein Entweichen der Luft und ein Eindringen von Speisen in die Lunge.), Fensterung und Innenkanüle erhältlich.- Mit Cuff: geeignet bei erhöhter Aspirationsgefahr, achten auf Druckstellen durch Cuff.
- Mit Cuff und Fensterung: wenn Cuff entblockt, gefensterte Innenkanüle eingesetzt, vorne mit einem Finger zugehalten bzw. der Verschlussstopfen aufgesetzt werden, ist die Kanüle auch als Phonationskanüle verwendbar.
- Silikon-Kurzkanüle: kürzer und ohne Innenkanüle, sehr leicht, flexibel, kaum Reizungen der Haut und Schleimhaut.
5. Alltag mit Stoma
Nach einer Gewöhnungszeit können sich die meisten Patienten gut mit einem Stoma arrangieren, besonders wenn es ihnen nach Anlage des Stomas gesundheitlich besser geht und der Körper wieder zu Kräften kommt.
Folgende Tipps können dem Patienten den Alltag erleichtern:
- Die richtigen Hilfsmittel zusammen mit dem Stomatherapeuten aussuchen.
Details siehe Hilfsmittel für Stomapatienten. - Hilfsmittel immer rechtzeitig in der Apotheke oder dem Sanitätshaus bestellen, um Engpässen bei Lieferproblemen vorzubeugen.
- Bei Verlassen des Hauses immer eine Notausrüstung an Hilfsmitteln mitführen, um bei Pannen alles Notwendige dabei zu haben.
- Auf die Ernährung achten.
Details siehe Ernährung bei Stoma. - Bei Verordnung von Medikamenten abklären, ob das Medikament über den Dünndarm oder Dickdarm aufgenommen wird, damit bei fehlendem Dickdarm die Wirkstoffaufnahme gewährleistet ist.
- Von Mitpatienten (z.B. in einer Selbsthilfegruppe) Tipps geben lassen, wie man sich trotz Stomaversorgung modern und attraktiv kleiden kann.
- Wieder aktiv werden.
Details siehe Sport mit Stoma und Reisen mit Stoma. - Tracheotomierte benötigen eine Anleitung zur Nahrungsaufnahme, da sonst Aspirationsgefahr besteht.
- Bei Tracheotomie frühzeitig mithilfe von Logopäden und Hilfsmitteln zum Sprechen anleiten, ansonsten besteht die Möglichkeit zur Kommunikaton über alternative Systeme wie Schreibtafeln.
6. Sexualität
Patienten und ihre Partner können - vor allem anfangs - Probleme haben, den durch das Enterost-Urostoma veränderten Körper zu akzeptieren. Es ist hilfreich, sich mit den eigenen Bedenken und Ängsten auseinanderzusetzen und auch mit dem Partner darüber zu reden. Stomatherapeuten und/oder Sexualberatungsstellen (Pro Familia) können dabei unterstützen.
Viele Patienten haben weniger Hemmung, wenn für die Zeit des intimen Zusammenseins
- ein Mini-Beutel oder eine Stomakappe getragen werden.
- über dem Beutel ein bunter Baumwoll-Überzug getragen wird (gibt es bei Herstellern von Stomaversorgungsmitteln).
- die Stomaversorgung bedeckt ist, z.B. durch ein Hemd, Shirt oder erotische Dessous.
- der Beutel kurz vorher noch einmal geleert wird.
In sehr seltenen Fällen haben Männer nach der Stomaoperation Potenzprobleme, entweder durch seelische Belastung oder durch Nervenschädigungen im Zuge des chirurgischen Eingriffs. Betroffene Männer können sich an einen Urologen, Psychotherapeuten oder an eine Selbsthilfegruppe für erektile Dysfunktion wenden.
Mehr Informationen zu Erektile Dysfunktion.
Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen finden Sie bei Adressen mit dem Suchwort "Erektile Dysfunktion".
Patienten mit Chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) können nach der Operation oft ein zufriedenstellenderes Sexualleben führen als vorher, da die körperlichen Kräfte zurückkehren und die akuten Schübe bei Colitis ulcerosa gänzlich aufhören, bei Morbus Crohn zumindest zeitweise wegfallen.
7. Schwangerschaft
Sofern der sonstige Gesundheitszustand der Entero- oder Urostomaträgerin es zulässt, spricht nichts gegen eine Schwangerschaft. Zwischen der Operation zur Stomaanlage und der Schwangerschaft sollte aber mindestens ein Jahr liegen, um eine Überbelastung des Narbengewebes am Bauch auszuschließen. Bei Stomapatientinnen ist in der Regel ein Kaiserschnitt notwendig, da Presswehen einen Darmvorfall auslösen könnten.
8. Verwandte Links
Hilfsmittel für Stomapatienten
Chronisch-entzündliche Darmerkrankung CED
Letzte Aktualisierung am 08.09.2010 Redakteur/in: Anja Wilckens
Bewerten Sie die obigen Informationen (Schulnoten-System)












