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1. Das Wichtigste in Kürze

Unter Psychosen wird eine Gruppe psychischer Erkrankungen zusammengefasst, die mit Veränderungen der Gedanken, der Wahrnehmung, der Gefühle und des Verhaltens einhergehen. Die Erkrankten können zeitweise nicht zwischen Wirklichkeit und eigenen Vorstellungen unterscheiden. Sie steigen vorübergehend aus der Realität aus, erleben sich selbst häufig aber nicht als krank, da ihnen ihre Wahrnehmungen sehr real erscheinen.

2. Vorbemerkung

Psychotische Störungen (Psychosen) sind zum Teil schwer exakt zu diagnostizieren. Psychosen können beispielsweise nicht durch apparative Untersuchungen (z.B. mit bildgebenden Verfahren) festgestellt werden. Zusätzlich berichten Erkrankte, krankheitsbedingt, nicht alle wesentlichen Informationen während des diagnostischen Gesprächs. Im Anfangsstadium der Erkrankung besteht eine Krankheitseinsicht nur in den seltensten Fällen. Verkomplizierend kommt hinzu, dass in den letzten Jahren

  • sich die Haltung "gegenüber" dem Patienten und die Arbeit mit dem Patienten wandelten,
  • neue Behandlungsansätze hinzugekommen sind,
  • verschiedene Lehrmeinungen und Terminologien miteinander konkurrieren und
  • ähnliche Symptome bei den verschiedensten Störungen auftreten.

3. Formen psychotischer Störungen

Bei den psychotischen Störungen (Psychosen) werden folgende Formen unterschieden:

  • Organische Psychosen
    Es gibt eine organische Ursache, z.B. Demenz, Hirnverletzungen.
  • Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis
    Sehr unterschiedliche Erscheinungsbilder mit einem Schwerpunkt auf kognitiven Störungen bei Wahrnehmung und Denken. Einer Schizophrenie liegt keine gespaltene Persönlichkeit zugrunde, wie der Wortsinn („schizo“ = ich spalte, „phren“ = Geist) vermuten lässt.
  • Affektive Psychosen
    Veränderungen der Realitätsverarbeitung im Zusammenhang mit eher affektiven Störungen von Stimmung und Antrieb in Richtung einer Depression oder Manie oder in beide Richtungen (= bipolare Störung).
  • Schizoaffektive Psychosen
    Wechsel von Symptomen einer Schizophrenie, einer Depression und/oder einer Manie.

4. Auftreten und Verlauf

Psychotische Störungen sind relativ häufig; es wird davon ausgegangen, dass ca. 2 % der Bevölkerung im Lauf des Lebens eine Psychose entwickeln, 1 % im Sinne von schizophrenen Psychosen, 1 % im Zusammenhang mit Depression und Manie. Der Verlauf psychotischer Störungen ist sehr unterschiedlich und hängt neben der diagnostizierten Störungsform auch vom Betroffenen und von den therapeutischen Maßnahmen ab.

Psychosen verlaufen in Phasen. In der akuten Phase sind die Symptome sehr ausgeprägt, die Patienten werden dann möglichst dicht, häufig stationär betreut. In der sich daran anschließenden Stabilisierungsphase brauchen viele Patienten Ruhe und Zeit zur Erholung. In der dritten, der Remissionsphase, gehen die Symptome stark zurück oder verschwinden ganz.

Ein Teil der Betroffenen durchlebt nur eine einmalige Akutphase, häufig im Zusammenhang mit einer Lebenskrise. Bei einigen kommt es in Belastungssituationen zu erneuten psychotischen Episoden, jedoch können sie zwischen den Akutphasen ein relativ normales Leben führen. Andere Patienten sind hingegen dauerhaft beeinträchtigt und haben auch zwischen den akuten Episoden psychotische Symptome.

5. Ursachen

Mit Ausnahme der organischen Psychosen sind die Ursachen weitgehend unbekannt. Vermutet werden zum einen Störungen des Hirnstoffwechsels, zum anderen anlagebedingte Faktoren (genetische Verletzlichkeit) im Zusammenhang mit äußeren psychischen Belastungen.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell ist das derzeit am besten akzeptierte Ursachenmodell zur Entstehung von Psychosen und berücksichtigt neurologische, psychologische und soziale Faktoren. Es geht davon aus, dass bei Betroffenen eine angeborene Anfälligkeit (Vulnerabilität) für Stresssituationen vorhanden ist. Wenn bei Belastungssituationen, z.B. dem Auszug aus dem Elternhaus, Migration oder dem Tod eines Angehörigen, keine ausreichenden Bewältigungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, können diese bei entsprechender Neigung zu psychotischen Symptomen führen.

Die Erkrankung ist bei genetischer Veranlagung aber nicht unausweichlich. Es gibt einige schützende (protektive) Faktoren, wie eine gute soziale Einbindung und vielfältige Bewältigungsmöglichkeiten, die den Ausbruch einer Psychose verhindern können.

Als neurologische Ursachen werden Störungen der Botenstoffe im Gehirn vermutet, welche die Informationsverarbeitung im Gehirn beeinflussen. Vor allem der Botenstoff Dopamin ist bei einer Schizophrenie erhöht. Der regelmäßige Konsum von halluzinogenen Substanzen wie Cannabis zählt hier zusätzlich zu den Risikofaktoren.

6. Symptome

Das Erscheinungsbild einer Psychose ist vielfältig und individuell verschieden. Die ersten Anzeichen der Erkrankung nehmen oft Freunde oder Angehörige wahr. Sie bemerken, dass der Betroffene „nicht mehr derselbe“ ist und wie fremdgesteuert wirkt. Demzufolge können sie dazu beitragen, dass die Krankheit möglichst früh erkannt wird.

Nachfolgend eine Schilderung von Symptomen einer psychotischen Störung am Beispiel der Schizophrenie. Die Kernsymptome werden grob in 3 Kategorien eingeteilt:

  • Positive oder produktive Symptome (sog. Plussymptome)
  • Negative- oder Defizienzsymptome (sog. Minussymptome) und
  • Katatone Symptome (sog. Psychomotorische Störungen)

6.1. Plussymptomatik

Zu den Plussymptomen (positive oder produktive Symptome) zählen:

  • Wahn
    Eine nicht korrigierbare, "falsche" Beurteilung der Realität. Am häufigsten leiden die Patienten unter Verfolgungs- und Beziehungsideen. Sie beziehen das Verhalten anderer Menschen wahnhaft auf sich selbst. Ein Wahn kann sich sowohl mit als auch ohne äußere Wahrnehmungen entwickeln. Erkennbar für einen Laien wird eine schizophrene Psychose meistens an der "Wahnsymptomatik", z.B. haben Betroffene die Überzeugung, eine religiöse Aufgabe zu haben oder von Außerirdischen beobachtet zu werden. Häufig herrscht beim Patienten die Überzeugung, dass sein Handeln oder seine Gedanken von Fremden gesteuert würden.
  • Halluzinationen
    Empfunden wird eine Sinneswahrnehmung, der kein realer Sinnesreiz zugrunde liegt. Diese Täuschung kann alle Sinnesorgane betreffen, wobei es am häufigsten zu akustischen Halluzinationen kommt. Etwa 84 % der Erkrankten hören Stimmen. Selten sind dabei "befehlende" und am häufigsten "gedankenkontrollierende" oder "beleidigende" Stimmen.
  • Ich-Störungen
    Die Grenze zwischen der eigenen Person und der Umwelt wird als durchlässig empfunden. Körper, Gedanken oder/und Gefühle werden als fremd erlebt. Auch kann es zu einem Gefühl der Beeinflussung oder Eingebung bzw. auch dem Entzug der Gedanken kommen. Der Patient lebt zugleich in einer wirklichen und einer wahnhaften Welt.
  • Formale Denkstörungen
    Darunter fallen Verzerrungen des herkömmlichen Denkablaufs, Zerfahrenheit mit sprunghaften und unlogischen Gedankengängen oder Abbruch eines Gedankengangs ohne erkennbaren Grund. Der Patient verschmilzt verwandte Wörter oder erfindet neue.

6.2. Minussymptomatik

Zu den Minussymptomen (negative oder Defizienzsymptome) zählen

  • sozialer Rückzug,
  • emotionale Verarmung oder Verflachung,
  • Antriebsunlust,
  • Spracharmut,
  • Aufmerksamkeitsstörungen,
  • Willensschwäche,
  • mangelnde Körperpflege und
  • psychomotorische Verlangsamung.

6.3. Katatone Symptome

Bei ausgeprägteren Schweregraden der Krankheit können sich sog. katatone Symptome zeigen. Das sind psychomotorische Störungen, die von starker Erregung, bis hin zur körperlichen Erstarrung reichen.

Manche Patienten berichten von einer Überempfindlichkeit gegenüber Licht oder Farben, Geräuschen, Gerüchen oder Geschmacksempfindungen. Auch das Zeitempfinden kann gestört sein. Die intellektuellen Fähigkeiten sowie die Persönlichkeit sind allerdings nicht beeinträchtigt.

7. Praxistipp

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Redakteur: Max Glaser

Letzte Bearbeitung: 27.07.2018

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