Psychosen > Arbeit

1. Das Wichtigste in Kürze

Bei einer chronifizierten Psychose kommt es zu bleibenden bzw. immer wiederkehrenden Beeinträchtigungen, die nicht selten zum Verlust des Arbeitsplatzes führen. Arbeitslosigkeit kann aber ein zusätzlicher Risikofaktor für eine erneute Akutphase sein. Einer Berufstätigkeit ist daher nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus vielen weiteren Gründen eine hohe Priorität einzuräumen. Ist die (Wieder-)Aufnahme einer Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht möglich, können alternative Beschäftigungsmöglichkeiten in Frage kommen.

2. Bedeutung von Arbeit

Arbeit

  • schafft soziale Kontakte und Beziehungen.
  • ermöglicht die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.
  • fördert Aktivität.
  • strukturiert den Tages- und Wochenablauf.
  • gibt dem Menschen eine anerkannte Rolle und einen sozialen Status und unterstützt damit die Bildung einer subjektiven Identität.
  • wird entlohnt und gibt damit Wertschätzung.
  • ist ein Zeichen für Normalität und Genesung.

Dabei muss aber ebenso berücksichtigt werden, dass der Betroffene einer wie auch immer gearteten Arbeitstätigkeit gewachsen sein muss, denn auch Druck und Überforderung können eine Akutphase auslösen. Eine besondere Rolle spielt hier der sog. Reha-Druck, d.h. die Vorgabe, innerhalb einer bestimmten Frist mit einer bestimmten Maßnahme das vorgegebene Ziel zu erreichen.

3. Psychosen bei Berufstätigkeit

3.1. Arbeitsunfähigkeit

In einer Akutphase kann die Gefahr bestehen, dass der Patient der Arbeit fernbleibt, ohne beim Arzt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) zu besorgen. Angehörige können hier helfen, indem sie zum Arztbesuch motivieren oder beim Arzt einen Hausbesuch erbitten. Die AU muss an den Arbeitgeber und an die Krankenkasse geschickt werden.

Hinweis: Die AU wird seit 1.10.2021 schrittweise digitalisiert (eAU):

  • Seit 1.10.2021 wird im 1. Schritt die Information an die Krankenkasse direkt von der Praxis an die Krankenkasse gesendet. Diese Umstellung erfolgt nach und nach und soll bis Ende 2021 abgeschlossen sein. Der Patient bekommt einen Ausdruck, den er an den Arbeitgeber gibt.
  • Voraussichtlich ab 1.7.2022 muss nicht mehr der Arbeitnehmer die AU beim Arbeitgeber vorlegen, sondern das erfolgt digital zwischen Krankenkasse und Arbeitgeber.

Ohne AU gefährdet der Patient sowohl seinen Arbeitsplatz als auch eine spätere Krankengeldzahlung. Näheres unter Arbeitsunfähigkeit.

Insbesondere die Akutphasen einer Psychose ziehen in der Regel eine längere und oft auch wiederholte Arbeitsunfähigkeit nach sich. Allgemeine Informationen dazu unter Entgeltfortzahlung und Krankengeld.

3.2. Kündigung

Wenn einem Arbeitnehmer gekündigt wird, endet die Pflichtmitgliedschaft in der Krankenkasse. Er muss sich dann rechtzeitig um seinen Krankenversicherungsschutz kümmern und sollte sich dafür an die Krankenkasse oder die Agentur für Arbeit wenden.

Bei einer Kündigung ist die sofortige Meldung bei der Agentur für Arbeit verpflichtend. Bei langer Arbeitsunfähigkeit kann es ein spezielles Arbeitslosengeld geben, Näheres unter Arbeitslosengeld > Nahtlosigkeit.

Eine krankheitsbedingte Kündigung ist aber nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Näheres unter Krankheitsbedingte Kündigung.

3.3. Stufenweise Wiedereingliederung

Kurz nach einem Klinikaufenthalt sind die meisten Patienten zunächst arbeitsunfähig. Ziel muss aber immer sein, wieder ins Berufsleben zurückzukehren, bevorzugt an die bisherige Arbeitsstelle oder an eine andere Arbeitsstelle beim selben Arbeitgeber. Die Eingliederung in eine neue Umgebung ist bei Menschen mit Psychosen oft eine besondere Herausforderung und sollte fachlich-therapeutisch begleitet werden.

4. Berufliche Reha – Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA)

Sozialrechtlich betrachtet gehören Angebote und Einrichtungen zur beruflichen (Wieder-)Integration zur Rehabilitation, Näheres unter Berufliche Reha > Leistungen. Entsprechende Angebote sind regional stark unterschiedlich verfügbar. Informationen und Adressen bietet die Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation psychisch kranker Menschen unter www.bagrpk.de. Dort kann auch die "Arbeitshilfe für die Rehabilitation und Teilhabe psychisch kranker und behinderter Menschen" unter www.bagrpk.de > Downloads (unter Arbeitshilfen in der Mitte der Seite) heruntergeladen werden.

5. Unterstützte Beschäftigung

Bei der unterstützten Beschäftigung arbeiten Menschen mit Psychosen auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Unterstützte Beschäftigung umfasst:

  • individuelle betriebliche Qualifizierung
  • bei Bedarf Berufsbegleitung

Näheres unter unterstützte Beschäftigung.

6. Zweiter Arbeitsmarkt und alternative Konzepte

Hat der Patient kein Arbeitsverhältnis (mehr) und hat der normale Bewerbungsweg keine Aussicht auf Erfolg, sind Inklusionsbetriebe eine Möglichkeit, Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden.

Auch auf dem sog. zweiten Arbeitsmarkt gibt es eine große Vielfalt von Projekten, die regional sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und meist von mehreren Kostenträgern gemeinsam getragen werden. Sie geben den Betroffenen die Möglichkeit über den öffentlichen und sozialen Sektor wieder im Berufsleben Fuß zu fassen.

Mögliche Träger, Partner und/oder Geldgeber sind z.B.:

  • Agentur für Arbeit
  • Integrationsamt, Integrationsfachdienst
  • Sozialpsychiatrischer Dienst
  • Psychosozialer Dienst
  • Gemeinden, Städte, Landkreise, Bezirke
  • Ministerien, hier oft Sonderförderprogramme
  • Aktion Mensch, Lebenshilfe
  • Werkstätten für behinderte Menschen und andere Leistungsanbieter
    Manche Werkstätten für behinderte Menschen bieten spezielle Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit psychischen Behinderungen. Näheres zu Psychosen > Schwerbehinderung.
  • Wohlfahrtsverbände wie Caritas, Diakonie, Rotes Kreuz
  • Kirchen
  • Stiftungen und Spenden
  • Firmen

Für die Beschäftigten handelt es sich zum Teil um sog. Ein-Euro-Jobs (= "Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandentschädigungen nach SGB II"). Sie geben den Beschäftigten die Möglichkeit, die tagtägliche Arbeitsfähigkeit zu testen und so wieder in das Berufsleben zu finden. Die tatsächliche Mehraufwandsentschädigung liegt meist etwas höher als 1 € pro Stunde. Während einer solchen Arbeitsgelegenheit erhalten die Teilnehmer an diesen Maßnahmen das Arbeitslosengeld II (Hartz IV) und dazu die Mehraufwandsentschädigung. Näheres siehe Grundsicherung für Arbeitsuchende unter Arbeitsgelegenheiten.

6.1. Zuverdienstprojekte

Das Problem bei den meisten bisher genannten Arbeitsmöglichkeiten ist, dass sie von einer kontinuierlichen Vollzeitbeschäftigung ausgehen. Das ist eine große Hürde für Menschen mit Psychosen. Hilfreich sind hier sog. Zuverdienstprojekte für Menschen mit psychischen Störungen. Sie bieten Arbeits- und Trainingsmöglichkeiten für weniger als 20 Wochenarbeitsstunden und passen ihre Anforderungen mit folgenden Maßnahmen an die Leistungsfähigkeit des jeweiligen Betroffenen an:

  • Flexible Arbeitszeiten
  • Flexible Arbeitsgeschwindigkeit und -produktivität, bei Bedarf viele Pausen
  • Rücksicht auf Leistungsschwankungen und Krankheitsausfälle
  • Keine zeitliche Befristung der Beschäftigung (Loslösung von Bewilligungszeiträumen)
  • Kein Reha-Druck mit Zielvorgabe

Die Trägerschaft ist ebenso vielfältig wie oben genannt, zum Teil sind die Projekte an Inklusionsbetriebe (siehe oben) oder Tagesstätten (siehe unten) angegliedert. Trotz der flexiblen Vorgaben müssen wirtschaftlich verwertbare Produkte oder Dienstleistungen erbracht werden. Kosten und Gehalt müssen erwirtschaftet werden, die Qualität der Arbeit muss stimmen und die Entlohnung ist abhängig von der Arbeitsleistung.

Weitere Informationen zu Zuverdienstprojekten gibt es beim Projekt Zuverdienst unter https://mehrzuverdienst.de.

Adressen von Anbietern einiger Zuverdienstprojekte können auch bei Rehadat unter www.rehadat-adressen.de > Adressen > Arbeit/Beschäftigung > Zuverdienst- und Beschäftigungsangebote gefunden werden.

6.2. Tagesstätten für psychisch kranke Menschen

Tagesstätten sind Einrichtungen, in denen Menschen mit psychischen Erkrankungen an Wochentagen tagsüber betreut und zu Beschäftigung angeleitet werden. Sie können auch auf das Arbeitsleben vorbereiten.

Die Einrichtungen sind immer möglichst niedrigschwellig, je nach Konzept ist das Kommen und Fernbleiben freiwillig oder verbindlich. Mit der Tagesgestaltung in der Tagesstätte beginnen die Betroffenen, eine Tagesstruktur aufzubauen und einfache Aufgaben zu übernehmen.

Typische Angebote und Hilfen einer Tagesstätte sind:

  • Tagesstrukturierende Angebote
  • Förderung sozialer Kontakte
  • Kreativkurse oder -arbeit mit Farben, Holz, Ton, Musik, Förderung persönlicher Interessen
  • Anleitung bei Dingen des alltäglichen Lebens
  • Kognitive Arbeit (auch am PC)
  • Entspannung und Bewegung
  • Ausflüge und Ferienfreizeiten
  • Unterstützung bei Behörden- und Wohnungsangelegenheiten

Häufig sind an Tagesstätten Beratungsangebote angegliedert, die bei sozialrechtlichen Fragen helfen oder bei der Suche nach Reha, Therapie- oder Arbeitsmöglichkeiten. Bisweilen machen sie auch selbst solche Angebote. Manche Tagesstätten sind als Vereine oder Clubs organisiert. In der Regel stellen sie dann an die sozialen Fähigkeiten der Mitglieder höhere Anforderungen und fordern eine etwas höhere Verbindlichkeit, z.B. durch die Übernahme von Pflichten zu bestimmten Zeiten.

Nähere Informationen zu Tagesstätten für psychisch kranke Menschen gibt das Psychiatrienetz unter www.psychiatrie.de > Gemeindepsychiatrie > Alltagshilfen > Tagesstätten/Kontakt-/Beratungsstellen.

7. Wer hilft weiter?

Auf der Suche nach geeigneten Arbeitsmöglichkeiten helfen der Sozialdienst in der Klinik, der ambulante Sozialpsychiatrische Dienst, alle Träger mit entsprechenden Angeboten, das sind meist Wohlfahrtsverbände, aber auch Gemeinden und Vereine, sowie mögliche Kostenträger, z.B. Integrationsamt oder Agentur für Arbeit.

8. Besondere Hilfen im Beruf

Wenn eine Psychose so schwer verläuft, dass sie die Berufstätigkeit gefährdet oder der bisherige Beruf nicht mehr ausgeübt werden kann, gibt es verschiedene Schutz-, Hilfs- und Fördermöglichkeiten. Nachfolgend eine Linkliste zu sozialrechtlichen Leistungen, die bei Psychosen relevant werden können:

9. Rente

Falls ein Patient aufgrund seiner Psychose nicht mehr erwerbstätig sein kann, kommen zwei Rentenarten für ihn in Frage:

10. Verwandte Links

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Letzte Bearbeitung: 19.08.2022

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