Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche

1. Das Wichtigste in Kürze

Eingliederungshilfen richten sich an Kinder und Jugendliche, die durch Psychosen, Neurosen, Sucht oder eine andere seelische Störung nicht ihrem Alter entsprechend am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Als Hilfen stehen ambulante und stationäre Betreuungsformen zur Verfügung, insbesondere heilpädagogische Einrichtungen. Ziel ist, den Patienten möglichst viel Autonomie und soziale Kompetenz zu vermitteln.

2. Grundsätzliches

Eingliederungshilfe erhalten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, deren seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als 6 Monate von dem für ihr Lebensalter typischen Zustand abweicht und deren Teilnahme am gesellschaftlichen Leben aufgrund seelischer Belastungen und Besonderheiten beeinträchtigt ist. In der Regel wird die Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren gewährt.

Psychische Beeinträchtigungen sind z.B.:

  • Affektive Störungen (Psychosen mit depressiven, manischen oder bipolaren Ausprägungsformen)
    Zu Depressionen siehe auch Depressionen.
  • Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
  • Entwicklungsstörungen
    • des Sprechens und der Sprache
    • schulischer Fertigkeiten
    • frühkindlicher Autismus
    • oder wenn die Störungen im seelischen Bereich selbst eine Äußerung der Krankheit sind
  • Suchtkrankheiten, z.B. Drogensucht
  • Intelligenzstörung/Intelligenzminderung
  • Verhaltens- und emotionale Störungen

Eingliederungshilfe erhalten auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, bei denen eine Beeinträchtigung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu erwarten ist.

3. Aufgabe und Ziel

Aufgabe der Eingliederungshilfe ist die Verbesserung entwicklungspsychologisch wichtiger Funktionen wie Autonomie und Bindungsfähigkeit, z.B. durch einzel- oder gruppentherapeutische Verfahren mit gestalterischen oder spielerischen Inhalten.

Ziel der Eingliederungshilfe ist die soziale Integration, die oft auch mit Hilfe der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen angestrebt wird. Die individuellen Ziele der Eingliederungshilfe werden vom Jugendamt mit dem Betroffenen und seinen Bezugspersonen erarbeitet und im Hilfeplan festgeschrieben.

4. Formen der Eingliederungshilfe

Für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche bietet die Kinder- und Jugendhilfe folgende Hilfeformen:

  1. Ambulante Eingliederungshilfen (z.B. Förderkurse, Therapien etc.)
  2. Eingliederungshilfen in Kindertagesstätten, teilstationären Einrichtungen oder auch in heilpädagogischen Einrichtungen
  3. Eingliederungshilfen durch geeignete Pflegepersonen (Tagespflege von Kindern)
  4. Eingliederungshilfen in Einrichtungen über Tag und Nacht (z.B. Heimerziehung), in Pflegefamilien (Vollzeitpflege) oder sonstigen Wohnformen

4.1. Heilpädagogische Einrichtungen

Heilpädagogische Einrichtungen gehen auf die speziellen Bedürfnisse seelisch behinderter Menschen ein. In altersgerecht zusammengestellten Gruppen wird die Entwicklung der sozialen Kompetenz und die Fähigkeit zur Alltagsbewältigung gefördert.

Die Übergänge zu den Leistungen der sozialpädiatrischen Zentren sind fließend. Vorrangig sind bei nicht schulpflichtigen Kindern die Leistungen der Krankenkassen in sozialpädiatrischen Zentren, Näheres dazu unter Frühförderung von Kindern mit Behinderungen. Dies gilt jedoch nur, wenn der spezifische Bedarf des seelisch behinderten Kindes im sozialpädiatrischen Zentrum sichergestellt ist.

4.2. Heilpädagogische Leistungen

Heilpädagogische Leistungen sollen die drohende oder bestehende Behinderung aufhalten bzw. abmildern. Hierzu zählen z.B.:

  • Alle pädagogischen Maßnahmen, welche die Entwicklung und Persönlichkeitsentfaltung des Kindes anregen.
  • Sozial- und sonderpädagogische, psychologische und psychosoziale Hilfen.
  • Beratung der Erziehungsberechtigten.

4.3. Weitere Anwendungsbereiche der Eingliederungshilfe

Unter Umständen kann z.B. auch eine Lerntherapie bei Lese-Rechtschreib- oder Rechenstörung in Anspruch genommen werden. Gegebenenfalls kann auch ein Integrationshelfer oder Schulbegleiter finanziert werden. Die Genehmigung der Leistungen ist vom individuellen Hilfebedarf abhängig.

5. Kosten

Der Antrag zur Kostenübernahme der Leistungen ist beim zuständigen Jugendamt zu stellen. Der Eingliederungshilfebedarf wird von einer Fachkraft des Jugendamts ermittelt. Grundlage dafür sind ärztliche oder psychiatrische Gutachten (in manchen Fällen sind auch Stellungnahmen ausreichend). Zudem erfolgt eine "Erklärung zur wirtschaftlichen Situation", um den (eigenen) Kostenbeitrag zu ermitteln. Um die konkrete Kostenübernahme im Einzelfall zu klären, empfiehlt sich eine Beratung beim zuständigen Jugendamt. Dieses kann unter www.familienportal.de > Beratung vor Ort gesucht werden.

6. Weitere Leistungen des Jugendamts für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche

6.1. Unterhaltsleistungen

Das Jugendamt ist für die Unterhaltsleistungen (Unterhaltsleistungen Jugendamt) zuständig, wenn dem Kind oder Jugendlichen Hilfe außerhalb des Elternhauses gewährt wird (§ 39 SGB VIII), nicht bei ambulanten Eingliederungshilfen.

6.2. Taschengeld

Ein Taschengeld (Barbetrag) steht dem Kind oder Jugendlichen bei vollstationären Eingliederungshilfen persönlich zur Verfügung (§ 39 SGB VIII). Taschengeld gibt es nicht bei ambulanten Eingliederungshilfen. Die Höhe setzen die Landesbehörden fest.

6.3. Krankenhilfe

Krankenhilfe (§ 40 SGB VIII) wird geleistet, wenn für das Kind oder den Jugendlichen kein Krankenversicherungsschutz besteht (in der Regel über die Familienversicherung abgedeckt). Krankenhilfe wird nur bei Tagespflege von Kindern und Heimerziehung gewährt, nicht bei ambulanten oder teilstationären Eingliederungshilfen.

Der Leistungsumfang entspricht der Gesundheitshilfe des Sozialamts.

7. Praxistipp

Für seelisch behinderte junge Erwachsene kommt unter Umständen auch eine Nachbetreuung in Frage (Hilfe für junge Volljährige).

8. Wer hilft weiter?

Individuelle Auskünfte erteilt das Jugendamt.

9. Verwandte Links

Kinder- und Jugendhilfe

Sozialpädiatrische nichtärztliche Leistungen

Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen

Soziale Rehabilitation (Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft)

 

Gesetzesquellen: § 35a SGB VIII, § 3 EHVO

Letzte Bearbeitung: 28.01.2020

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