Schulbegleitung

1. Das Wichtigste in Kürze

Die Schulbegleitung wird oft auch Inklusionsassistenz genannt und ist eine Leistung der Eingliederungshilfe. Oft ist auch die Rede von Integrationshilfe. Bei seelischen Behinderungen wird sie für Kinder und Jugendliche und teils auch für junge Erwachsene über die Jugendhilfe finanziert. Bei körperlichen und geistigen Behinderungen sowie bei Mehrfachbehinderungen und bei Erwachsenen sind die Träger der Eingliederungshilfe zuständig. Die Schulbegleitung ist nicht dafür da, Lerninhalte zu vermitteln, sondern soll Schülern mit Behinderungen die gleichberechtigte Teilhabe am Unterricht und damit Inklusion ermöglichen.

2. Aufgaben der Schulbegleitung

Die Schulbegleitung soll Schülern Inklusion ermöglichen und nur außerhalb des sog. Kernbereichs der pädagogischen Arbeit tätig sein. Das heißt, Schulbegleiter sollen nicht die Aufgaben der Schule übernehmen, also insbesondere nicht die Vermittlung des Unterrichtsstoffs.

Aufgaben sind insbesondere:

  • Pflegerische Unterstützung
  • Soziale Unterstützung
  • Emotionale Unterstützung
  • Hilfe bei der Kommunikation

3. Ziele der Schulbegleitung

3.1. Gleichberechtigte Teilhabe

Die Schulbegleitung ist dafür da, Menschen mit Behinderungen im Bereich der Schule eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen. Sie soll nicht nur eine Teilnahme am Unterricht ermöglichen, sondern auch die Teilhabe am schulischen Leben außerhalb des Unterrichts. Schulbegleitung gibt es daher auch z.B. für die Pausen, für unterrichtsergänzende Arbeitsgemeinschaften, für Ganztagsangebote, für Ausflüge, für Klassenfahrten, für Schulfeste und für Klassenfahrten.

3.2. Exklusion – Separation – Integration – Inklusion: Erklärungen zu den Begriffen

Die Schulbegleitung wird oft als Integrationsassistenz oder Inklusionsassistenz bezeichnet. Obwohl die Begriffe ähnlich klingen und oft synonym verwendet werden, bedeuten sie nicht dasselbe, weil sich die Ziele unterscheiden.

Die Eingliederungshilfe geht vom Prinzip der Inklusion aus. Dennoch kommt es in der Praxis oft zu Schwierigkeiten bei der Frage, ob Inklusion oder nicht doch Integration das Ziel der Schulbegleitung ist. Denn die Begriffe Inklusion und Integration werden oft gleichbedeutend verwendet, verwechselt oder vermischt.

Exklusion bedeutet Ausschluss. Gemeint ist, dass Menschen aus einer Gruppe oder von der Teilhabe ausgeschlossen werden. Exklusion liegt vor, wenn Menschen nicht zur Schule gehen dürfen. Das kommt auch heute noch vor. So sehen einige Schulgesetze vor, dass die Schulpflicht wegen einer Behinderung ruhen kann. Die Folge ist, dass es in Deutschland immer noch Menschen gibt, denen Bildung verwehrt wird. Zwar gibt es Menschen, die tatsächlich "bildungsunfähig" sind, z.B. weil sie im Koma liegen. Angewandt wird das Ruhen der Schulpflicht allerdings immer noch auch auf Menschen, die lernen könnten, wenn nur ein geeignetes Umfeld für sie geschaffen würde.

Separation ist eine mildere Form der Exklusion. Sie liegt vor, wenn Menschen zwar eine Schule besuchen dürfen, aber nur solche, die speziell für Menschen mit Behinderungen gemacht sind. Das ist zwar keine Exklusion aus dem Bildungssystem, sondern es bietet Bildungsmöglichkeiten und insoweit Inklusion. Aber diese Menschen werden aus der allgemeinen Schule ausgeschlossen (exkludiert). Die früheren Sonderschulen heißen heute Förderschulen, betreiben aber noch immer Exklusion.

Integration bedeutet Einbindung in die Gesellschaft. Die Rahmenbedingungen bleiben dabei wie sie sind. Bei der Integration ist das Ziel, auf das es ankommt, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Die eingebundenen Personen dürfen dabei sein, auch wenn sie anders sind als sich viele den "normalen Menschen" vorstellen. Integration verlangt dabei ein gewisses Maß an Anpassung der Menschen mit Behinderungen an die Rahmenbedingungen und die Gesellschaft.

Beispiel: Ein Kind mit Behinderung wird gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung unterrichtet. Der Unterricht wird nicht auf die besonderen Bedürfnisse dieses Kindes angepasst, aber das Kind darf mitmachen. Es bekommt Unterstützung dafür, mit den Unterrichtsbedingungen zurechtzukommen.

Inklusion bedeutet Einschluss im Sinne einer Anpassung der Umwelt an die einzelnen Menschen und ihre Bedürfnisse, sodass alle Menschen, so wie sie sind, teilhaben können.

Beispiel: In einer Klasse wird neben der Lautsprache auch in Gebärdensprache unterrichtet. Autistische Kinder sind per Video dem Unterricht zugeschaltet, um nicht von sozialen Kontakten überfordert zu werden, und die Räume sind barrierefrei zugänglich für Kinder, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Die Kinder erhalten Aufgaben mit verschiedenem Schwierigkeitsgrad und es gibt mehrere Lehrkräfte und Assistenzpersonen, damit diese auf die unterschiedlichen Bedürfnisse aller eingehen können, unabhängig davon, ob eine Behinderung vorliegt oder nicht.

Im Alltag werden die Begriffe Inklusion und auch Integration häufig als Synonyme für gemeinsame Beschulung von Schülern mit und ohne Behinderung verwendet. Dabei sagt der bloße Besuch der selben Schule oder Klasse noch nichts darüber aus, ob dort Exklusion, Integration oder Inklusion stattfindet.

Beispiel: Ein Kind, das im Unterricht mit den anderen in der Klasse sitzt, dem Unterricht aber wegen einer Behinderung nicht folgen kann, wird von Möglichkeiten der Bildung ausgeschlossen. Das ist Exklusion trotz gemeinsamen Unterrichts.

3.3. Schulbegleitung an Förderschulen

Schulbegleitung soll nicht nur bei gemeinsamer Beschulung von Schülern mit und ohne Behinderung in "normalen" Schulen für gleichberechtigte Teilhabe sorgen, sondern immer.

Darum muss unter Umständen auch an Förderschulen Schulbegleitung eingesetzt werden, wenn sie benötigt wird. Auch wenn Förderschulen dafür gedacht sind, ein geeignetes Lernumfeld für Schüler mit bestimmten Behinderungen zu schaffen, sind es doch Schulen, in denen in aller Regel mehrere Schüler zugleich unterrichtet werden. Auch wenn oft ähnliche Behinderungen vorliegen, haben die Schüler bisweilen so unterschiedliche Bedürfnisse, dass die Schule ohne Schulbegleitung für Einzelne keine für alle geeignete Lernumgebung schaffen kann.

4. Finanzierung der Schulbegleitung

4.1. Schulbegleitung als Jugendhilfeleistung (§ 35a SGB VIII)

Ist die Schulbegleitung allein wegen einer sog. seelischen Behinderung erforderlich, sind die Jugendämter für die Finanzierung zuständig. Rechtsgrundlage ist dann der § 35a SGB VIII, der Bezug auf die Teilhabeleistungen des 9. Sozialgesetzbuches (SGB IX) nimmt. Die Schulbegleitung gehört zu den Leistungen zur Teilhabe an Bildung. Diese sind eines der Gebiete, für die das SGB IX Teilhabeleistungen gewährt. Die vom Jugendamt finanzierte Schulbegleitung ist eine ambulante Leistung der Jugendhilfe, deshalb müssen die Schüler, deren Eltern oder sonstige Unterhaltspflichtige keinen Kostenbeitrag zahlen. Das gilt für alle Schularten. Weitere Informationen unter Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche.

4.2. Schulbegleitung als Leistung der Träger der Eingliederungshilfe (SGB IX)

Ist die Schulbegleitung wegen einer körperlichen oder geistigen Behinderung oder wegen einer Mehrfachbehinderung erforderlich, sind die Träger der Eingliederungshilfe für die Finanzierung zuständig. Rechtsgrundlage sind dann direkt die Leistungen zur Teilhabe an Bildung im SGB IX, ohne Umweg über eine andere Norm.

Zuständig sind die Träger der Eingliederungshilfe. Auch wenn die Eingliederungshilfe durch das Bundesteilhabegesetz aus der Sozialhilfe ausgegliedert wurde, ist zum Teil das Sozialamt zuständig. Denn die Sozialämter übernehmen oft nicht nur die Aufgaben des Trägers der Sozialhilfe, sondern auch des Trägers der Eingliederungshilfe. Die Regelungen in den Bundesländern sind verschieden und im Umbruch: aktuelle Zuständigkeiten unter https://umsetzungsbegleitung-bthg.de > Gesetz > Umsetzungsstand in den Ländern beim jeweiligen Bundesland.

Für die Schulbegleitung an allgemeinbildenden und weiterführenden Schulen (z.B. Grundschulen, Mittel/Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien) müssen Schüler, Eltern oder sonstige Unterhaltsverpflichtete keinen Kostenbeitrag leisten. Für Schulbegleitung an beruflichen Schulen fällt hingegen in der Regel ein Kostenbeitrag an. Zur Höhe des Kostenbeitrags siehe Eingliederungshilfe > Einkommen und Vermögen.

4.3. Finanzierung über das Persönliche Budget

Schulbegleitung kann auch über das Persönliche Budget finanziert werden. Die Eltern, die Sorgeberechtigten oder die volljährigen Schüler selbst bekommen also z.B. vom Jugendamt oder Sozialamt eine festgelegte Summe, von der sie dann die Schulbegleitung bezahlen können. Wenn sie das Geld nicht vollständig für die Schulbegleitung ausgeben, müssen sie den Rest zurückzahlen. Oft treten dann z.B. die Eltern als Arbeitgeber der Schulbegleitung auf (sog. Arbeitgebermodell). Weitere Informationen unter Persönliches Budget.

5. Antrag

Die Schulbegleitung muss beantragt werden. Bei welcher Behörde der Antrag gestellt werden muss, hängt davon ab, welche Behörde zuständig ist.

5.1. Pflicht zur Weiterleitung

Es ist nicht schlimm, den Antrag bei der falschen Behörde, also z.B. beim Sozialamt statt beim Jugendamt zu stellen. In diesem Fall muss nämlich die nicht zuständige Behörde den Antrag an die zuständige Behörde weiterleiten. Macht sie das nicht oder nicht innerhalb von 2 Wochen, so muss die unzuständige Behörde die Schulbegleitung finanzieren. Sie kann sich dann hinterher das Geld von der zuständigen Behörde zurückholen.

Beispiel: Eltern beantragen wegen einer körperlichen Behinderung Schulbegleitung beim Jugendamt. Das Jugendamt ist zwar nicht zuständig, sondern das Sozialamt, aber das Jugendamt muss trotzdem die Schulbegleitung finanzieren, wenn es den Antrag nicht innerhalb von 2 Wochen dem Sozialamt geschickt hat.

5.2. Praxistipps

  • Es ist ratsam, dass Sie den Antrag schriftlich stellen, persönlich bei der Behörde abgeben und sich auf einer Kopie den Antragseingang mit Eingangsdatum bestätigen  lassen. Dann können Sie nämlich beweisen, wann der Antrag eingegangen ist. Das kann wichtig werden, wenn sich die Behörde für eine Entscheidung zu viel Zeit lässt.
  • Der folgende Tipp gilt nur dann, wenn der Träger der Eingliederungshilfe für die Schulbegleitung zuständig ist:
    Wenn die Behörde 2 Monate nach Antragseingang nicht auf den Antrag reagiert, gilt dieser automatisch als bewilligt. Die Eltern/Sorgeberechtigten oder der Schüler können dann eine Schulbegleitung bezahlen und die Behörde muss die Kosten übernehmen.
    Will sich die Behörde länger als 2 Monate Zeit nehmen, so muss sie innerhalb der 2 Monate die Gründe dafür schriftlich mitteilen. Mehr Zeit lassen darf sie sich auch nur, wenn entweder für die Entscheidung ein Sachverständigengutachten nötig ist (je nach Situation 2–4 Wochen mehr) oder wenn eine Mitwirkung der Antragstellenden noch fehlt, solange bis diese erfolgt ist. Mit Mitwirkung ist z.B. das Einreichen geforderter Unterlagen gemeint, die für die Entscheidung notwendig sind.

6. Schulbegleitung in der Praxis

Schulbegleitung wird immer häufiger bewilligt. In der Praxis gibt es zu wenige Menschen, die als Schulbegleitung arbeiten, sodass es nicht immer gelingt, zu Schuljahresbeginn eine Schulbegleitung für alle Schüler zu finden, die darauf angewiesen sind.

Folge ist, dass manche Kinder und Jugendlichen trotz Schulpflicht den Unterricht nicht besuchen dürfen oder dass Berufsschüler den schulischen Teil ihrer Ausbildung trotz Berufsschulpflicht nicht fortsetzen können.

Der Mangel an Schulbegleitern rührt auch daher, dass dieser Beruf für viele nicht so attraktiv ist, insbesondere aus folgenden Gründen:

  • Verträge werden oft befristet für einzelne Schuljahre nur in der Schulzeit vergeben. In den Sommerferien tritt dann Arbeitslosigkeit ein. Da kein ganzes Kalenderjahr Beschäftigungszeit zusammenkommt, jedoch 12 Monate Einzahlung in die Arbeitslosenversicherung Leistungsvoraussetzung ist, erhalten Menschen, die als Schulbegleitung gearbeitet haben, dann ggf. kein Arbeitslosengeld, sondern sind in den Sommerferien auf Grundsicherung für Arbeitssuchende (umgangssprachlich "Hartz IV" genannt) angewiesen.
  • Die Vergütung der Schulbegleitung ist meist gering.
  • Die Schulbegleitung wird von den Schulen zum Teil als störend empfunden, was ein negatives Arbeitsklima schaffen kann.
  • Etwaige Konflikte mit den Eltern können unangenehm sein.

7. Wer hilft weiter?

Der Allgemeine Sozialdienst (ASD) der Jugendämter, die Träger der Eingliederungshilfe und die unabhängige Teilhabeberatung.

8. Verwandte Links

Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen

Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche

Teilhabe an Bildung

 

Gesetzesquellen: § 35a SGB VIII - §§ 112, 75 SGB IX

Letzte Bearbeitung: 08.09.2021

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